
2008/2009 wurde Grafite mit beeindruckenden 28 Toren Torschützenkönig. Unvergessen sein Solo mit anschließendem Tor, das zur Deklassierung der Bayern beim überraschenden 5:1 Erfolg der Wolfsburger beitrug. Gemeinsam mit Stürmer-Kollegen Dzeko wurden weit über 50 Tore erzielt – und somit der Großteil der Tore für Wolfsburg und die Deutsche Meisterschaft. Es gelang Grafite und Dzeko sogar Gerd Müller und Uli Hoeneß als erfolgreichstes Sturm Duo der Bundesliga zu übertrumpfen. Gemeinsam erzielten sie 54 Tore. Hoeneß und Müller erzielten in ihrem besten Jahr gemeinsam 53 Tore (das war 1971/1972). 28 Tore in 25 Spielen – so die stolze Bilanz des Brasilianers Grafite, der von den Spielern der Bundesliga somit völlig zurecht zum Spieler des Jahres gewählt wurde.
Grafite, der mit bürgerlichem Namen Edinaldo Batista Libano heißt, ist mitnichten eines der zahlreichen Wunderkinder, das der brasilianischen Talent-Fabrik entstammt. Er war nie in der Situation, dass ihm schon als Jugendlicher eine glänzende Karriere gewiss gewesen wäre. Keiner der großen südamerikanischen oder europäischen Vereine interessierte sich für den jungen Edinaldo Batista Libano.
Der typische Werdegang für die brasilianischen Fußball Legionäre ist steil und trieft vor Schweiß. Und er ist längst nicht immer fair. In einem knallharten Ausleseverfahren werden junge Talente rekrutiert. Oftmals haben diese jungen Könner nur einen Tag Gelegenheit, um sich vor einem kritischen Publikum gegen ihre nicht minder talentierten Altersgenossen durchzusetzen. Hat man ausgerechnet dann einen schlechten Tag, dann wird dieses Vorspiel möglicherweise der einzige Hauch professionellen Fußballs sein, den diese jungen Fußballer je zu spüren bekommen. Oftmals sparen Familien gar lange daraufhin, um ihren jungen Spross zu einem solchen Vorspielen zu schicken. Und doch ist er dann nur einer unter vielen. Gemessen an der Vielzahl dieser Talente, schaffen es längst nicht alle, in der Jugendabteilung eines hochklassigen Vereins unterzukommen oder einen Berater bzw. Scout für sich zu interessieren. Viele Talente, deren Potenzial niemals auf öffentlicher Bühne zu sehen sein wird, bleiben unentdeckt.
Fast so wäre es auch Grafite ergangen. Erst mit 22 Jahren bestritt er sein erstes Spiel für einen professionellen Verein – in der fünften Liga Brasiliens. Ehedem verkaufte er Mülltüten und ging zu diesem Zweck von Haus zu Haus. Etwa 200 € im Monat brachte das ein. Zu diesem Zeitpunkt war Edinaldo Batista Libano bereits verheiratet und hatte eine junge Tochter.
Es sah also absolut nicht so aus, als ob man Grafite auf dem Radar haben und Großes von ihm erwarten müsste. Seinen Spitznamen “Grafite“ gab ihm der Trainer bei seinem Fünftliga Debüt in Brasilien. Grafite bedeutet Bleistiftmine. Lang, dünn und schwarz – ganz so wie der 1,89 große Edinaldo Batista Libano. Im Laufe seiner frühen Karriere spielte Grafite bei verschiedenen Vereinen in Brasilien. Doch niemals wirklich hochklassig. Alles in allem schien ihm eine Karriere als Stürmer der zweiten Liga Brasiliens gewiss. Und längst nicht immer war er erste Wahl. Für ein halbes Jahr war er in Korea aktiv. Doch sein Engagement dort war von kurzer Dauer. Man trennte sich einvernehmlich. Zurück in Brasilien begann er sich langsam zu entfalten. Beim Goias EC war er Teil eines hervorragenden Stürmer Trios und steuerte dort 12 Tore bei. Grafite wurde damals, das war 2003, als bester Spieler auf seiner Position geehrt. Dies brachte ihm den Wechsel zum FC Sao Paulo ein, einem der Top Vereine in Brasilien. Dort konnte er erste Titelerfolge feiern und erzielte in zwei Jahren 17 Tore. So kam er auch zu seinem bis dato ersten und einzigen Länderspiel für Brasilien. Auch dort schoss er gegen Guatemala in einem Freundschaftsspiel das 3:0 zum Endstand.
Der Weg nach Europa führte zunächst anno 2006 zu einem frisch gebackenen Erstligisten in Frankreich. Der Aufsteiger Le Mans UC verpflichtete Grafite. Dort war er ebenfalls Stammspieler und konnte in 51 Spielen 17 Tore beisteuern. Nicht schlecht aber auch nicht überragend. Umso verwunderlicher ist es, dass Felix Magath im Jahre 2007 nochmal 5,6 Millionen für den nunmehr 28 Jahre alten Grafite investieren ließ. Noch im selben Jahr (Grafite wurde während der laufenden Saison erworben) dankte dieser mit 11 Toren. Und nun schoss Grafite in der Saison 2008/2009 sensationelle 28 Tore in 25 Spielen und wurde Teil des besten Stürmer Duos, das die Bundesliga bis dato gesehen hat.
Und so ist Grafite trotz eines vergleichsweise sehr hohen Einstiegsalters und trotz eines durchwachsenen Karriereanfangs an der Spitze angekommen. Seine Spielweise ist, bezogen auf brasilianische Verhältnisse, so untypisch wie sein Werdegang. Horst Hrubesch meint in ihm sogar das Idealbild eines Stürmers gefunden zu haben. 888sport gratuliert diesem ungewöhnlichen Spieler und hofft darauf, dass er uns alle noch ein Weile mit seinem Können erfreut. Wer so spät angefangen hat, der hat auch mehr Luft für die letzten Jahre. Jede Wette, dass wir von Grafite noch nicht das Letzte gesehen haben. Jetzt am Freitag wird er es uns möglicherweise beweisen.